Auf dem Weg zur sozialen Mobilität – Beteiligung der MigrantInnen am österreichischen Bildungssystem

Der Schlüssel zur sozialen Mobilität ist innerhalb einer Gesellschaft die schulische Bildung, was ihre zentrale Stellung beim Abbau von Hindernissen und strukturellen Defiziten für den Aufstieg von Migrantenkindern begründet. Immer noch arbeiten nur relativ wenige Angehörige der „zweiten Generation“ von türkischen und exjugoslawischen Staatsbürgern als mittlere und gehobene Angestellte. 1993/94 hatten sich die Karrieren der in Österreich Geborenen gegenüber der ersten Generation hauptsächlich vom Segment der un- und angelernten Arbeiter zu jenem der Facharbeiter verschoben. 13 Prozent der in Österreich geborenen türkischen und exjugoslawischen Staatsbürger sind als un- oder angelernte Arbeiter tätig, 43 Prozent als Facharbeiter. Gerade einmal 18 Prozent waren als einfache Angestellte tätig. (Vgl. Fassmann, Heinz/ Münz, Rainer /Seifert, Wolfgang: Ausländische Arbeitskräfte in Deutschland und Österreich: Zuwanderung, berufliche Platzierung und Effekte der Aufenthaltsdauer, in: Fassmann, Heinz u.a. (Hg.). 1999. S. 110)

Die geringen Aufstiegschancen der Einwandererbevölkerung sind einerseits eine Folge der starken Segmentierung des österreichischen Arbeitsmarktes und andererseits trägt auch das Schulsystem zu diesen Barrieren bei.

Die frühe Verzweigung nach vier Jahren Volksschule in einerseits Hauptschule und polytechnischen Lehrgang, andererseits allgemeinbildende und berufsbildende höhere Schulen macht das österreichische Bildungssystem sozial weniger durchlässig als die in den meisten europäischen Staaten übliche gemeinsame Ausbildung der 6- bis 14-jährigen.

Migranten leben vorwiegend in den urbanen Ballungsräumen, gehören meist der untersten Berufs- und Einkommensschicht an, und ihre Kinder haben zusätzlich zu diesen sozialen Barrieren oft noch Sprachschwierigkeiten zu überwinden. Das erklärt, warum Migrantenkinder gerade in jenen Schulzweigen überproportional vertreten sind, die ein geringes soziales Prestige besitzen. So weisen Hauptschulen und polytechnische Lehrgänge einen starken Überhang von Kindern und Jugendlichen der „zweiten“ und „dritten“ Generation auf, während sie an höheren Schulen deutlich unterrepräsentiert sind.

Der Übertritt in höhere Ausbildungsstufen sowie der jeweilige schulische Erfolg ist von einer Vielzahl inner- wie außerschulischer Faktoren abhängig: Neben Sprachdefiziten und den Folgen sozialer und rechtlicher Benachteiligungen der Eltern gibt es vielfach große Informationsdefizite über Wahlmöglichkeiten zwischen den unterschiedlichen Schultypen und Möglichkeiten im Bildungssystem. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die meisten Angehörigen der „ersten Generation“ aus ländlichen Gebieten nach Österreich eingewandert sind, und kaum über Schulbildung verfügen. Die meisten haben nur ein Pflichtschulabschluss.

Für die Elterngeneration sind hoch gesteckte Bildungsziele für ihre Kinder oft ein wesentliches Motiv zur Auswanderung gewesen. Der eigene soziale Aufstieg wird unter großen persönlichen Opfern auf die nächste Generation verschoben, die es einmal besser haben soll.

Oft machen ausländische Eltern die Erfahrung, dass sie zum Schulerfolg ihrer Kinder nur wenig beitragen können. Aber gerade in Österreich hängt der Schulerfolg der Kinder stark von der Unterstützung der Eltern ab. Schlechte Deutschkenntnisse der MigrantInnen, überbelegte Wohnungen, der Mangel an Ganztagesschulen oder schulischer Nachmittagsbetreuung tragen wesentlich zum schulischen Misserfolg vieler Kinder von MigrantInnen bei.

Deutlich tritt das strukturelle Missverhältnis zwischen Migrantenkindern und „Inländerkindern“ in den Sonderschulen zutage. Obwohl man nicht davon ausgehen kann, dass sich unter Migrantenkindern signifikant mehr sonderpädagogische Fälle finden als unter „inländischen“ Kindern, ist ihr Anteil in Sonderschulen signifikant höher. 1998/99 war jedes fünfte Kind in einer Sonderschule ein Kind mit nichtdeutscher Muttersprache.

Die Erfahrung von SchulberaterInnen hat gezeigt, dass die Hemmschwelle der LehrerInnen bei Migrantenkindern deutlich niedriger ist, wenn es um Vorschläge für eine sonderpädagogische Erziehung geht.

Informationsmangel und Verständigungsschwierigkeiten zwischen LehrerInnen und Eltern tragen of zu Entscheidungen bei, welche die Chancen auf eine Bildungs- und Berufskarriere des Kindes beenden. Eine einmal vorgenommene Herabstufung lässt eine Rückkehr in das reguläre Bildungssystem wenig zu, und ein Sonderschulabschluss bedeutet eine aussichtslose Ausgangsposition am Arbeitsmarkt. (Vgl. Volf, Patrik/ Bauböck, Rainer: Wege zur Integration, Was man gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit tun kann; Klagenfurt: Drava-Verlag; 2001; S. 183f)

Als einzige Erfolgsmeldung im österreichischen Ausbildungssystem ist das duale Ausbildungssystem als sanfter aber relativ sicherer Einstieg, vor allem für männliche Jugendliche, zu bewerten. Beim Übergang in den Arbeitsmarkt schneiden alle Länder, die ein duales Ausbildungssystem bezüglich Lehre und Berufsschule haben, besser ab als jene, die diese „sanfte“ Überleitung in den Arbeitsmarkt nicht haben. (Vgl. Barbara Herzog – Punzenberger: Die „2. Generation“ an zweiter Stelle?: Soziale Mobilität und ethnische Segmentation in Österreich – eine Bestandsaufnahme, April 2003)